Ein Meinungsbeitrag von Leonard Bock.
Die jüngste Entwicklung in Venezuela sendet ein unmissverständliches Signal in die Welt: Die Vereinigten Staaten sind bereit, ihre politischen Interessen mit allen verfügbaren Mitteln durchzusetzen. Unabhängig von der Bewertung einzelner Maßnahmen müssen wir Europäer diese Botschaft sehr genau zur Kenntnis nehmen. In Anbetracht der viel zitierten „Zeitenwende“ und der verschärften geopolitischen Sicherheitslage wurde uns – nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und den Eskalationen im Nahen Osten – erneut vor Augen geführt, was es bedeutet, in diesem neuen Zeitalter Großmachtpolitik zu betreiben. In diesem Umfeld entscheidet nicht allein moralische Positionierung, sondern vor allem Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit.
Europa erscheint in den gegenwärtigen Krisenherden meist nur als reaktiver Akteur. Wir kommentieren, mahnen und versuchen zu vermitteln – doch wir gestalten kaum selbst. Auf lange Sicht wird uns das unweigerlich ins endgültige Abseits manövrieren und den letzten Rest einstiger Größe Europas begraben. Was es daher braucht, ist eine gemeinsame Strategie der europäischen Staaten, die uns fit für die Zukunft macht. Das übergeordnete Ziel hat bereits Emmanuel Macron zutreffend formuliert: strategische Autonomie Europas. Diese darf jedoch nicht mit Abschottung oder willkürlicher Großraumpolitik verwechselt werden. Gemeint ist vielmehr die Fähigkeit, eigenständig zu handeln – Europa wieder zu einem vollwertigen, eigenständigen Akteur im internationalen System zu machen.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Machtpolitik und regelbasierte Ordnung kein Widerspruch darstellen. Der liberale Gustav Stresemann, wichtigster deutscher Außenpolitiker der Weimarer Republik und Friedensnobelpreisträger, verzichtete mit seiner außenpolitischen Linie zwar glaubhaft auf kriegerische Mittel zur Durchsetzung seiner Ziele und strebte ein internationales Klima der Verständigung an. Dies war jedoch keineswegs gleichbedeutend mit einem Verzicht auf Machtpolitik. Stresemann verstand Machtpolitik vielmehr als strategische Fähigkeit, eigenständige Interessen langfristig und realistisch durchsetzen zu können. Genau darin liegt die Lehre für Europa heute: In einer Welt, die zunehmend von expansiver Machtpolitik geprägt ist, bleibt politische Souveränität ohne sicherheitspolitische Autonomie nur eine Illusion.
Veröffentlicht am 03.01.2026